Chilcot Report vor Jahrestag der London-Anschläge veröffentlicht und unterstreicht damit Ursachen von Terrorangriffen

Chilcot Report vor Jahrestag der London-Anschläge veröffentlicht und unterstreicht damit Ursachen von Terrorangriffen


(Dieser Artikel wurde von Glenn Greenwald geschrieben und ist ursprünglich auf “The Intercept” erschienen. acTVism Munich hat diesen Text sinngemäß ins Deutsche übertragen.)


Vor elf Jahren führten drei Selbstmordattentäter einen Angriff auf eine Londoner U-Bahn und einen Bus durch und töteten dabei 51 Menschen. Fast sofort war klar, dass die Vergeltung für die britische Invasion und die Zerstörung des Irak eines der Hauptmotive der Angreifer war.

Zwei von ihnen sagten genau das in den Videos, die sie hinterlassen hatten: Die Angriffe „werden andauern und sich noch verstärken, bis ihr eure Soldaten aus Afghanistan und dem Irak abzieht…bis wir uns sicher fühlen, werdet ihr ein Ziel bleiben.“ Dann, weniger als ein Jahr später, kam ein geheimer Bericht von britischen Militär- und Geheimdienstchefs zum Schluss, dass „der Krieg im Irak zur Radikalisierung der Attentäter vom 7. Juli in London beigetragen hat und aller Wahrscheinlichkeit nach weiterhin Extremismus unter britischen Muslimen schüren wird.” Im geheimen Report, der an The Observer geleakt wurde, heißt es weiter: “Der Irak wird vermutlich noch für einige Zeit ein wichtiger Motivationsfaktor in Bezug auf die Radikalisierung britischer Muslime und für jene Extremisten, die Angriffe gegen das Vereinigte Königreich als gerechtfertigt betrachten, bleiben.“

Die Veröffentlichung des Chilcot-Berichts – den die New York Times eine „verheerende Kritik an Tony Blair” nannte – zeigt nicht nur weitere Belege für diesen ursächlichen Zusammenhang auf, sondern offenbart zudem, dass Blair vor der Invasion ausdrücklich gewarnt worden war, dass seine Aktionen Al-Qaida-Angriffe auf das Vereinigte Königreich provozieren könnten. Wie mein Kollege Jon Schwarz gestern berichtete, zitiert die Kurzzusammenfassung des Berichts Blairs Bestätigung, dass er sich einer Warnung der Britischen Geheimdienste bewusst war, laut der Terrorismus „im Falle eines Krieges als Reflektion der ansteigenden anti-amerikanischen/anti-westlichen Stimmungen in der muslimischen Welt, inklusive muslimischen Gemeinschaften im Westen, ansteigen würde“.

Natürlich ist nichts von alldem überraschend. Wie auch die Briten haben viele westliche Geheimdienste schon vor langer Zeit (in der Regel heimlich) anerkannt, dass der Militarismus des Westens und die Einmischung in prädominant muslimischen Nationen die Liste der Terrorismusursachen anführen. In einem im Jahr 2004 vom Pentagon beauftragten Report wurde dies bei der Auflistung der Terrorismusursachen spezifiziert: „Die direkte amerikanische Intervention in der muslimischen Welt“; unsere „einseitige Unterstützung von Israel“; die Unterstützung für islamische Gewaltherrschaften in Regionen wie Ägypten und Saudi Arabien; und, allen voran, „die amerikanische Besetzung von Afghanistan und dem Irak.“ Der Report kam zum Schluss, dass „Muslime nicht ‘unsere Freiheit hassen’, sondern unsere Politik.“ Zahlreiche Individuen, die Angriffe im Westen geplant oder ausgeführt haben, haben genau das gesagt.

Es sollten aber keine offiziellen Reports oder Aussagen von Angreifern nötig sein, um zu bestätigen, was schon der gesunde Menschenverstand diktiert: Wenn man jahrelang durch die Welt zieht und den „Kriegszustand“, in dem man sich befindet, proklamiert, und dabei zahlreiche Länder für die eigenen Zwecke bombardiert, besetzt und sich auf andere Weise einmischt – wie es die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich seit Jahrzehnten, lange vor dem 11. September, gemacht haben – werden manche von denen, die sich mit den Opfern identifizieren, beschließen – sich dafür entscheiden – selbst mit Gewalt zu antworten. Sogar Tony Blairs stellvertretender Premierminister John Prescott räumte diese selbstverständliche Tatsache 2015 ein: „Wenn ich die Leute darüber reden höre, wie Menschen, junge Muslime, radikalisiert werden – ich kann Ihnen sagen, wie sie radikalisiert werden. Jedes Mal, wenn sie im Fernsehen sehen, wie ihre Familien sich Sorgen machen, ihre Kinder getötet werden und Raketen, Sie wissen schon, auf diese Menschen gefeuert werden, davon werden sie radikalisiert.“

Diese Tatsache zu erkennen ist nicht – wie oft behauptet wird – eine Verleugnung der menschlichen Handlungsfähigkeit. Im Gegenteil: Es ist die Bestätigung von Handlungsfähigkeit, eine Anerkennung dessen, wie Menschen Entscheidungen treffen.

Trotz der Eindeutigkeit dieses ursächlichen Zusammenhangs ist es nach wie vor notwendig, ihn zu dokumentieren, weil seine Anerkennung immer noch eines der am striktesten erzwungenen Tabus des Westens ist. Im Vereinigten Königreich wurden – und werden nach wie vor – all jene diffamiert, die darauf hinweisen, dass der Irakkrieg diese Angriffe provoziert hat. Tariq Ali erinnert sich noch an die schreckliche öffentliche Zurückweisung, die ihm entgegengebracht wurde, als er diese Thematik in einem Guardian Artikel am Tag nach den Angriffen ansprach. Tony Blair und seine Verbündeten – in einem Akt der Selbstfreisprechung – verleugnen einen Zusammenhang noch immer vehement. Im letzten Jahr wurde Ken Livingston aufs Schärfste verurteilt – beschuldigt, „für die Selbstmordattentäter Partei zu ergreifen“ – weil er hervorgehoben hatte, wie der Angriff auf den Irak die Anschläge am 7. Juli mitprovozierte. Am Anfang des Jahres wurde schließlich Jeremy Corbyn von mehreren Labour-Parlamentariern für das Verbrechen denunziert, diese beiden Ereignisse miteinander in Verbindung zu bringen.

Was uns hier vorliegt, ist eine unbestreitbare Wahrheit, die mit drastischen Mitteln tabuisiert worden ist. Egal, wie groß die Beweislast dafür ist, dass westliche Aggression, Gewalt und Vorherrschaft Terrorangriffe schüren und provozieren, versuchen einflussreiche Parteien noch immer, diese Tatsache zu unterdrücken, indem sie sie zu etwas Unaussprechlichem machen. Natürlich ist es weitaus bequemer und einfacher, zu glauben, dass man nur das unschuldige Opfer von schrecklicher Gewalt ist, nicht aber ein Teilnehmer oder gar ein Verursacher davon. Doch auch wenn das diese Verweigerung motiviert, die Realität zu akzeptieren – entschuldigen kann sie diese nicht.

Tony Blairs Angriff auf den Irak hat nicht nur die darauffolgenden Angriffe auf sein eigenes Land provoziert, sondern er wusste zur Zeit seiner Entscheidung sogar, dass das passieren würde, weil er davor gewarnt worden war. Der Jahrestag dieser Angriffe ist die ideale Gelegenheit, sich dieses ursächlichen Zusammenhangs bewusst zu werden, und der Chilcot-Bericht – der am Tag vor dem Jahrestag der Terroranschläge am 7. Juli in London veröffentlicht worden ist – macht es uns unmöglich, das zu ignorieren.


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