Noam Chomsky: Die USA sind ein Schurkenstaat & die Ermordung von Suleimani bestätigt dies

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Noam Chomsky: Die USA sind ein Schurkenstaat und die Ermordung von Suleimani bestätigt dies


Dieses Interview erschien ursprünglich auf Truthout am 7. Januar 2020.  acTVism Munich hat es in die deutsche Sprache übersetzt, um mehr Menschen über dieses Thema zu informieren.


Um sich dieses Interview anzuhören, klicken Sie hier.


Noam Chomsky: Die USA sind ein Schurkenstaat und die Ermordung von Suleimani bestätigt dies

Trumps Entscheidung, einen der prominentesten und angesehensten iranischen Militärführer, Generalmajor Qassim Suleimani, zu ermorden, führt zu einen weiteren Namen auf der Liste der Menschen, die von den USA getöteten wurden, weshalb viele die USA zu Recht als den größten Schurkenstaat der Welt ansehen.

Das Attentat ließ die Feindseligkeiten zwischen Teheran und Washington eskalieren und hat eine noch explosivere Situation im politisch brisanten Nahen Osten geschaffen. Wie zu erwarten war, hat der Iran einen Vergeltungsschlag für die Ermordung seines Generals zu seinen eigenen Bedingungen geschworen und gleichzeitig seinen Rückzug aus dem iranischen Atomprogramm angekündigt. Das irakische Parlament wiederum hat für die Ausweisung aller US-Truppen gestimmt, aber Trump hat mit Sanktionsdrohungen reagiert, falls die USA gezwungen sein sollten, ihre Truppen aus dem Land abzuziehen.

Wie der weltbekannte öffentliche Intellektuelle Noam Chomsky in diesem Exklusivinterview für Truthout betont, war das Hauptziel der US-Außenpolitik im Nahen Osten, die Energieressourcen der Region zu kontrollieren. Im Interview analysiert Chomsky – emeritierter Universitätsprofessor des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Professor für Linguistik an der University of Arizona, der mehr als 120 Bücher über Linguistik, globale Angelegenheiten, US-Außenpolitik, Medienwissenschaften, Politik und Philosophie veröffentlicht hat – Trumps rücksichtsloses Handeln und dessen möglichen Auswirkungen.

C.J. Polychroniou (CJP): 

Noam, die Ermordung des iranischen Befehlshabers der Quds-Einheit Qassim Suleimani durch die USA hat die seit langem bestehende Obsession Washingtons mit Teheran und seinem klerikalen Regime, die bis in die späten 1970er Jahre zurückreicht, erneut bekräftigt. Worum geht es bei dem Konflikt zwischen den USA und dem Iran, und stellt die Ermordung von Suleimani eine Kriegshandlung dar?

Noam Chomsky (NC): 

Eine Kriegshandlung? Vielleicht können wir uns auf rücksichtslosen internationalen Terrorismus einigen. Es scheint, dass Trumps Entscheidung, die er aus einer Laune heraus traf, hohe Beamte des Pentagon entsetzt hat, die ihn aus pragmatischen Gründen über die Optionen informierten. Wenn wir über den Tellerrand blicken wollen, können wir uns fragen, wie wir unter vergleichbaren Umständen reagieren würden.

Nehmen wir an, der Iran würde den zweithöchsten US-Beamten, einen Spitzengeneral, auf dem internationalen Flughafen Mexiko City’s ermorden. Und das zusammen mit dem Befehlshaber eines großen Teils der US-unterstützten Armee einer verbündeten Nation. Wäre das ein kriegerischer Akt? Das können andere entscheiden. Es genügt, wenn wir erkennen, dass die Parallele gezogen werden kann und dass die von Washington vorgebrachten Vorwände bei einer genaueren Betrachtung so schnell zusammenbrechen, dass es peinlich wäre, sie auch nur durchzugehen.

Suleimani wurde sehr respektiert – nicht nur im Iran, wo er eine Art Kultfigur war. Dies wird von US-Experten für den Iran anerkannt. Einer der prominentesten Experten, Vali Nasr (keine Eintagsfliege, und jemand der Suleimani verabscheut), sagt, dass die Iraker, einschließlich der irakischen Kurden, “ihn nicht als die ruchlose Figur betrachten, für die ihn der Westen hält, sondern als jemanden, der ISIS bezwingt”. Sie haben nicht vergessen, dass es Suleimani und die von ihm organisierten irakischen Schiiten-Milizen waren, die das Land retteten, als die riesige, schwer bewaffnete, von den USA ausgebildete irakische Armee schnell zusammenbrach und die kurdische Hauptstadt Erbil, dann Bagdad und der ganze Irak im Begriff waren ISIS [auch bekannt als Daesh] in die Hände zu fallen. Keine kleine Sache.

Was den Konflikt betrifft, so sind die Hintergründe nicht unklar. Die Kontrolle über die riesigen Energieressourcen des Nahen Ostens ist seit langem ein Leitprinzip der amerikanischen Außenpolitik: kontrollieren, nicht unbedingt nutzen. Der Iran stand in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg im Mittelpunkt dieser Bestrebung, und sein Ausbrechen aus der US-Umlaufbahn im Jahr 1979 war dementsprechend untolerierbar.

Diese “Besessenheit” lässt sich bis 1953 zurückverfolgen, als Großbritannien – der Landesherr des Irans seit der Ölentdeckung dort – nicht in der Lage war, die Regierung an der Übernahme seiner eigenen Ressourcen zu hindern, und die globale Supermacht aufforderte, die Operation zu leiten. Wir haben nicht genug Zeit, um den Verlauf dieser Besessenheit im Detail durchzugehen, aber einige Höhepunkte sind aufschlussreich.

Großbritannien wandte sich mit einer gewissen Zögerlichkeit an Washington. Dies bedeutete nämlich, mehr von seinem früheren Imperium an die USA abzugeben und noch mehr die Rolle des “Juniorpartners” im globalen Management zu übernehmen, wie das Außenministerium mit Bestürzung feststellte. Die Eisenhower-Administration übernahm die Führung. Sie organisierte einen Militärputsch, der das parlamentarische Regime stürzte und den Schah wieder einsetzte, wodurch die Ölkonzession wieder in seine rechtmäßigen Hände gelangte, wobei die USA 40 Prozent der ehemaligen britischen Konzession übernahmen. Interessanterweise musste Washington die US-Majors zwingen, dieses Geschenk anzunehmen; sie zogen es vor, sich an das billigere saudische Öl zu halten (das die USA während des Zweiten Weltkriegs in einem Mini-Krieg von Großbritannien übernommen hatten). Aber unter dem Druck der Regierung waren sie gezwungen, sich zu fügen: einer jener ungewöhnlichen, aber lehrreichen Vorfälle, die zeigen, wie die Regierung manchmal langfristige imperiale Interessen gegenüber den Einwänden des mächtigen Unternehmenssektors verfolgt, der sie weitgehend kontrolliert und sogar besetzt – mit beträchtlicher Resonanz in den Beziehungen zwischen den USA und dem Iran in den letzten Jahren.

Der Schah richtete eine harte Tyrannei ein. Er wurde von Amnesty International regelmäßig als führender Folterer bezeichnet, immer stark unterstützung durch die USA, da der Iran neben der saudischen Familiendiktatur und Israel zu einer der Machtsäulen der USA in der Region wurde. Technisch gesehen befanden sich der Iran und Israel im Krieg. In Wirklichkeit hatten sie äußerst enge Beziehungen, die nach dem Sturz des Schahs 1979 öffentlich bekannt wurden. Die stillschweigenden Beziehungen zwischen Israel und Saudi-Arabien treten jetzt viel deutlicher zutage im Rahmen des reaktionären Bündnisses, das die Trump-Regierung zum Machtausbau in der Region schmiedet: Die Golfdiktaturen, die ägyptische Militärdiktatur und Israel, verbunden mit dem Indien der Modi, dem Brasilien von Bolsonaro und anderen ähnlichen Elementen. Ein seltener Anschein einer einheitlichen Strategie in dieser chaotischen Regierung.

Die Carter-Administration unterstützte den Schah bis zum letzten Moment nachdrücklich. Hohe US-Beamte – [Henry] Kissinger, [Dick] Cheney, [Donald] Rumsfeld – riefen die US-Universitäten (hauptsächlich meine eigene, das MIT, wegen starker Studentenproteste, die aber von der Fakultät geduldet wurden) dazu auf, die Nuklearprogramme des Schahs zu unterstützen, selbst nachdem er klargestellt hatte, dass er nach Atomwaffen strebt. Als der Volksaufstand den Schah stürzte, war die Carter-Administration offenbar gespalten, ob sie sich dem Rat des israelischen Botschafters Uri Lubrani anschließen sollte, der sagte: “Teheran kann von einer relativ kleinen, entschlossenen, rücksichtslosen und brutalen Truppe übernommen werden. Die Männer, die diese Truppe anführen würden, müssten sich emotional auf die Möglichkeit einstellen, dass sie zehntausend Menschen töten müssten.”

Es funktionierte nicht, und bald übernahm Ayatollah Khomeini auf einer enormen Welle der Begeisterung des Volkes die Macht und etablierte die brutale klerikale Autokratie, die immer noch herrscht und schlug die Proteste des Volkes nieder.

Kurz darauf drang Saddam Hussein in den Iran ein, mit starker Unterstützung der USA, ungeachtet seines Rückgriffs auf chemische Waffen, die riesige Verluste im Iran verursachten; seine ungeheuerlichen Angriffe mit chemischen Waffen gegen irakische Kurden wurden von Reagan geleugnet, der versuchte, dem Iran die Schuld zuzuschieben und die Verurteilung durch den Kongress blockierte.

Schließlich übernahmen die USA die Macht und schickten Seestreitkräfte, um die Kontrolle Saddams über den Golf sicherzustellen. Nachdem der US-Lenkwaffenkreuzer Vincennes ein iranisches Zivilflugzeug in einem deutlich gekennzeichneten Handelskorridor abgeschossen hatte, 290 Passagiere tötete und unter großem Beifall und mit Auszeichnungen für außergewöhnliche Leistungen in den Hafen zurückkehrte, kapitulierte Khomeini und erkannte, dass der Iran die USA nicht bekämpfen kann. Präsident Bush lud anschließend irakische Atomwissenschaftler nach Washington ein, um sie in der Produktion von Atomwaffen weiterzubilden, was eine sehr ernste Bedrohung für den Iran darstellt.

Die Konflikte gingen ohne Unterbrechung weiter und drehten sich in den letzten Jahren besonders um das iranische Atomprogramm. Diese Konflikte endeten (theoretisch) mit dem Gemeinsamen Umfassenden Aktionsplan (Joint Comprehensive Plan of Action, JCPOA) im Jahr 2015, einer Vereinbarung zwischen dem Iran und den fünf ständigen Mitgliedern der UNO sowie Deutschland, in der sich der Iran bereit erklärte, seine Nuklearprogramme – keines davon ein Waffenprogramm – als Gegenleistung für westliche Zugeständnisse stark einzuschränken. Die Internationale Atomenergie-Organisation, die intensive Inspektionen durchführt, berichtet, dass der Iran die Vereinbarung vollständig eingehalten hat. Der US-Geheimdienst stimmt dem zu.

Das Thema löst im Gegensatz zu einer anderen Frage viele Diskussionen aus: Haben die USA das Abkommen eingehalten? Offensichtlich nicht. Der JCPOA erklärt, dass alle Teilnehmer sich verpflichtet haben, die Wiedereingliederung des Iran in die Weltwirtschaft, insbesondere in das globale Finanzsystem, das die USA wirksam kontrollieren, in keiner Weise zu behindern. Die USA dürfen sich nicht “in den Bereichen Handel, Technologie, Finanzen und Energie” und anderen Bereichen einmischen.

Obwohl diese Themen nicht untersucht werden, hat es den Anschein, dass Washington sich ständig eingemischt hat.

Präsident Trump behauptet, dass sein effektiver Abbruch des JCPOA ein Versuch sei, eine Verbesserung auszuhandeln. Es ist ein angemessenes Ziel, das leicht zu verwirklichen ist. Jegliche Besorgnis über die iranische nukleare Bedrohung kann durch die Einrichtung einer nuklearwaffenfreien Zone (NWFZ) im Nahen Osten mit intensiven Inspektionen, wie sie im Rahmen des JCPOA erfolgreich durchgeführt wurden, überwunden werden.

Wie wir bereits besprochen haben, ist dies recht einfach zu bewerkstelligen. Die regionale Unterstützung ist überwältigend. Die arabischen Staaten haben den Vorschlag vor langer Zeit initiiert und setzen sich weiterhin dafür ein, mit der starken Unterstützung des Iran und der ehemaligen blockfreien Länder (G-77, jetzt 132 Länder). Europa ist einverstanden. Tatsächlich gibt es nur ein Hindernis: die USA, die regelmäßig ihr Veto gegen den Vorschlag einlegen, wenn er bei den Überprüfungstagungen der Länder des Atomwaffensperrvertrags zur Sprache kommt, zuletzt durch Obama im Jahr 2015. Die USA werden die Inspektion des enormen israelischen Atomwaffenarsenals nicht zulassen oder auch nur dessen Existenz einräumen, obwohl sie nicht angezweifelt wird. Der Grund ist einfach: Nach US-Recht (Symington Amendment) würde das Eingeständnis seiner Existenz die Einstellung jeglicher Hilfe für Israel erfordern.

Die einfache Methode, die angebliche Besorgnis über eine iranische Bedrohung zu beenden, scheidet also aus, und die Welt muss sich düsteren Aussichten stellen.

Da diese Themen in den USA kaum erwähnt werden können, lohnt es sich vielleicht, eine weitere verbotene Angelegenheit zu wiederholen: Die USA und Großbritannien haben eine besondere Verantwortung, sich für die Errichtung einer NWFZ im Nahen Osten einzusetzen. Sie sind formell gemäß Artikel 14 der Resolution 687 des UN-Sicherheitsrates dazu verpflichtet, dies zu tun, auf den sie sich beriefen in ihrem Bemühen, irgendeine rechtliche Grundlage für ihre Invasion im Irak zu fabrizieren, indem sie behaupteten, der Irak habe die Resolution durch Atomwaffenprogramme verletzt. Der Irak hatte dies nicht getan, da sie bald gezwungen waren, nachzugeben. Aber die USA verletzen die Resolution bis heute, um ihren israelischen Auftraggeber zu schützen und Washington zu erlauben, gegen das US-Recht zu verstoßen.

Interessante Fakten, die leider zu aufrührerisch sind, um ans Licht der Welt zu kommen.

Es macht keinen Sinn, die folgenden Jahre zu betrachten, die in den Händen des Mannes lagen, der “von Gott gesandt wurde, um Israel vor dem Iran zu retten”, wie es der ernsthafte Vertreter der Regierung, Außenminister Mike Pompeo, formulierte.

Um auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen: Es gibt eine Meng zu bedenken, wenn man sich die Frage stellt, worum es in diesem Konflikt geht. Um es mit einem Satz zu sagen: Vor allem um die imperiale Macht und zwar egal mit welchen Konsequenzen.

CJP.:

Der Begriff “Schurkenstaat” (der vom US-Außenministerium weithin verwendet wird) bezieht sich auf die Verfolgung von Staatsinteressen ohne jegliche Rücksicht auf die anerkannten Normen internationalen Verhaltens und die Grundprinzipien des Völkerrechts. Sind die USA angesichts dieser Definition nicht ein Paradebeispiel für einen Schurkenstaat?

NC:

Beamte des Außenministeriums sind nicht die einzigen, die den Begriff “Schurkenstaat” verwenden. Es wurde auch von prominenten amerikanischen Politikwissenschaftlern verwendet – mit Bezug auf das Außenministerium. Nicht Trumps, sondern Clintons.

In der Ära zwischen Reagans mörderischen terroristischen Gräueltaten in Mittelamerika und Bushs Invasion im Irak erkannten sie, dass die USA für einen Großteil der Welt “zur schurkischen Supermacht wurden”, als “die größte äußere Bedrohung für ihre Gesellschaften” betrachtet wurden und dass “in den Augen eines Großteils der Welt der wichtigste Schurkenstaat heute die Vereinigten Staaten sind” (Harvard-Professor für Regierungswissenschaft und Regierungsberater Samuel Huntington; Präsident der American Political Science Association Robert Jervis. Beide in der wichtigsten Zeitschrift des Establishments, Foreign Affairs, 1999, 2001).

Nach der Übernahme durch Bush wurden die Qualifikationen gestrichen. Es wurde als Tatsache geltend gemacht, dass die USA “viele der Eigenschaften der ‘Schurkenstaaten’, gegen die sie … gekämpft haben, übernommen haben”. Andere außerhalb des amerikanischen Mainstreams würden vielleicht andere Worte für das schlimmste Verbrechen des Jahrtausends wählen, ein Lehrbuchbeispiel für Aggression ohne glaubwürdigen Vorwand, das “höchste internationale Verbrechen” von Nürnberg.

Und andere äußern manchmal ihre Meinung. Gallup führt regelmäßig internationale Meinungsumfragen durch. Im Jahr 2013 (den Obama-Jahren) fragte er zum ersten Mal, welches Land die größte Bedrohung für den Weltfrieden darstelle. Die USA gewannen die Umfrage; niemand sonst kam auch nur annähernd heran. Weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz lag Pakistan, vermutlich aufgeblasen durch die indische Abstimmung. Der Iran – die größte Bedrohung für den Weltfrieden laut dem US-Diskurs – wurde kaum erwähnt.

Das war auch das letzte Mal, dass die Frage gestellt wurde, obwohl es nicht viel Grund zur Sorge gab. In den Vereinigten Staaten scheint es nicht berichtet worden zu sein.

Wir könnten über diese Fragen etwas ausgiebiger nachdenken. Wir sollen die US-Verfassung revidieren, vor allem die Konservativen. Wir müssen daher Artikel VI revidieren, der erklärt, dass gültige Verträge “das oberste Gesetz des Landes” sind und die Beamten an diese gebunden sein müssen. In den Nachkriegsjahren ist der bei weitem wichtigste derartige Vertrag die auf Initiative der USA eingeführte UN-Charta. Sie verbietet “die Androhung oder Anwendung von Gewalt” in internationalen Angelegenheiten – insbesondere den gemeinsamen Verzicht darauf, dass in Bezug auf den Iran “alle Optionen offen” sind – und alle Fälle von Gewaltanwendung, sofern sie nicht ausdrücklich vom Sicherheitsrat oder zur Verteidigung gegen einen bewaffneten Angriff genehmigt wurden (ein eng ausgelegter Begriff), bis der Sicherheitsrat, der sofort benachrichtigt werden muss, in der Lage ist, den Angriff zu beenden.

Wir könnten uns überlegen, wie die Welt aussehen würde, wenn die US-Verfassung als auf die USA anwendbar betrachtet würde, aber lassen wir diese interessante Frage beiseite – nicht jedoch, ohne zu erwähnen, dass es einen angesehenen Beruf gibt, nämlich den der “internationalen Anwälte und Rechtsprofessoren”, die erlernt haben zu erklären, dass Worte nicht das bedeuten, was sie bedeuten.

CJP:

Der Irak hat seit der US-Invasion im Jahr 2003 darum gekämpft, eine ausgewogene Situation sowohl mit Washington als auch mit Teheran aufrechtzuerhalten. Das irakische Parlament hat jedoch nach der Ermordung Suleimanis für den Abzug aller US-Truppen gestimmt. Wird dies passieren? Und wenn ja, welche Auswirkungen hätte dies auf die künftigen Beziehungen zwischen den USA, dem Irak und dem Iran und auf den Kampf gegen ISIS?

NC:

Wir wissen nicht, ob es dazu kommen wird. Selbst wenn die irakische Regierung den USA befiehlt, das Land zu verlassen – werden sie es tun? Es ist nicht selbstverständlich. Und wie immer kann die öffentliche Meinung in den USA, wenn diese organisiert und beeinflusst wird, zu einer Antwort verhelfen.

Was ISIS betrifft, so hat Trump ihnen gerade ein weiteres Leben geschenkt, so wie er ihnen eine “Du kommst aus dem Gefängnis frei”-Karte gab, als er die syrischen Kurden verriet und sie der Gnade ihrer erbitterten Feinde – der Türkei und Assad – überließ, nachdem sie ihre Funktion erfüllt hatten, nämlich den Krieg gegen ISIS zu führen (mit 11.000 Opfern, verglichen mit einem halben Dutzend Amerikanern). ISIS organisierte zunächst Ausbrüche aus dem Gefängnis und ist nun wieder frei, dies zu tun.

Auch im Irak wurde ISIS ein Willkommensgeschenk gemacht. Der renomierte Nahost-Historiker Ervand Abrahamian bemerkt folgendes:

“Die Tötung von Soleimani … hat ISIS tatsächlich eine wunderbare Gelegenheit geboten, sich zu erholen. Es wird ein starkes Aufblühen von ISIS in Mosul, Nordirak, geben. Und das wird paradoxerweise dem Iran helfen, denn die irakische Regierung wird keine andere Wahl haben, als sich mehr und mehr auf den Iran zu verlassen, [der die Verteidigung des Irak gegen den ISIS-Angriff unter Suleimanis Kommando führte] um ISIS in Schach zu halten… Trump hat sich aus dem Nordirak, aus dem Gebiet, in dem ISIS sich befand, zurückgezogen, den Kurden den Teppich unter den Füßen weggezogen und jetzt hat er den pro-iranischen Milizen den Krieg erklärt. Und die irakische Armee war in der Vergangenheit nicht in der Lage, mit ISIS fertig zu werden. Das Naheliegende ist nun also – wie wird die irakische Regierung mit der Wiederbelebung von ISIS umgehen? … Sie werden keine andere Wahl haben, als sich tatsächlich immer mehr auf den Iran zu verlassen. Trump hat also eigentlich seine eigene Politik untergraben, wenn er den Einfluss des Iran im Irak beseitigen will”.

Ähnlich wie W. Bush, als er in den Irak einmarschierte.

Wir sollten jedoch nicht vergessen, dass eine enorme Macht sich von Wirrwarr und Misserfolgen erholen kann – wenn die einheimische Bevölkerung dies zulässt.

CJP:

Putin scheint die USA nicht nur in Syrien, sondern fast überall an den Fronten des Nahen Ostens ausmanövriert zu haben. Was beabsichtigt Moskau im Nahen Osten, und wie erklären Sie sich die oft infantile Diplomatie der Vereinigten Staaten in der dortigen Region und in der Tat auch weltweit?

NC: 

Ein Ziel, das im Wesentlichen erreicht wurde, war es, die Kontrolle über Syrien zu erlangen. Russland trat 2015 in den Konflikt ein, nachdem Assads Streitkräfte durch fortschrittliche Waffen gestoppt wurden, die die CIA den überwiegend dschihadischen Armeen zur Verfügung gestellt hatte. Russische Flugzeuge haben dann das Blatt gewendet, und ohne Rücksicht auf den unglaublichen zivilen Schaden hat die von Russland unterstützte Koalition die Kontrolle über den größten Teil des Landes übernommen. Russland wurde so zum externen Schiedsrichter.

An anderer Stelle hat sich Putin – selbst unter den Golfverbündeten Washingtons – offenbar mit einigem Erfolg als der einzige vertrauenswürdige externe Handelnde präsentiert. Trumps “Elefant im Porzellanladen”-Diplomatie (falls es das überhaupt trifft) hat nur wenige Anhänger außerhalb Israels, die er mit Geschenken überhäuft, und die anderen Mitglieder des reaktionären Bündnisses nehmen Gestalt an.

Jeder Gedanke an “soft power” ist so gut wie aufgegeben worden. Aber die Reserven der USA an sogenannter “hard power” sind enorm. Kein anderes Land kann nach Belieben harsche Sanktionen auferlegen und Drittländer zwingen, sie zu respektieren – und das auf Kosten des Ausscheidens aus dem internationalen Finanzsystem. Und natürlich hat auch kein anderes Land Hunderte von Militärbasen auf der ganzen Welt oder so etwas wie Washingtons fortgeschrittene militärische Macht und die Fähigkeit, nach Belieben und ungestraft auf Gewalt zurückzugreifen. Die Vorstellung, Sanktionen gegen die USA zu erwägen, oder irgendetwas, das über bloße Kritik hinausgeht, grenzt an Lächerlichkeit.

Und so wird es wahrscheinlich sogar so bleiben, dass “in den Augen eines Großteils der Welt der wichtigste Schurkenstaat heute die Vereinigten Staaten sind”, und zwar sogar noch deutlicher als vor 20 Jahren, als diese Worte ursprünglich geäußert wurden, es sei denn bzw. bis die Bevölkerung die Staatsmacht zwingt, einen anderen Kurs einzuschlagen.


Dieses Interview wurde zu Zwecken der besseren Verständlichkeit und bezügluch der Länge leicht editiert.


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ÜBER NOAM CHOMSKY

noam-chomsky-black-and-whiteNoam Chomsky ist ein weltweit anerkannter politischer Dissident, Anarchist, Linguist, Autor und emeritierter Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo er seit über einem halben Jahrhundert lehrt. Chomsky hat mehr als 100 Bücher geschrieben, das jüngste unter dem Titel „Because We Say So“. Chomsky war währen seiner gesamten Karriere eine enorm einflussreiche akademische Persönlichkeit und wurde zwischen 1980 und 1992 öfter vom Arts and Humanities Citation Index (A&HCI) zitiert als jeder andere lebende Wissenschaftler. Seine Arbeit hat eine Vielzahl von Bereichen beeinflusst, darunter Künstliche Intelligenz, Kognitionswissenschaft, Computerwissenschaft, Logik, Mathematik, Musiktheorie und #Analyse, Psychologie und Immunologie.

ÜBER C.J POLYCHRONIOU

C.J. Polychroniou ist ein politischer Ökonom/Politikwissenschaftler, der an Universitäten und Forschungszentren in Europa und den Vereinigten Staaten gelehrt und gearbeitet hat. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Wirtschaftsintegration Europas, Globalisierung, die politische Ökonomie der Vereinigten Staaten und die Dekonstruktion des wirtschaftspolitischen Projekts des Neoliberalismus. Er schreibt regelmäßig für Truthout und ist ein Mitglied des Truthout Public Intellectual-Projekts. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht und seine Artikel sind in einer Vielzahl von Journalen, Magazinen, Zeitungen und Nachrichtenseiten erschienen. Viele seiner Veröffentlichungen wurden in mehrere Sprachen übersetzt, einschließlich kroatisch, französisch, griechisch, italienisch, portugiesisch, spanisch und türkisch.

Quellenangabe für das Featured Image

Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 2.0 generisch“ (US-amerikanisch) lizenziert.

Beschreibung chomsky-1893
Datum
Quelle chomsky-1893
Urheber Andrew Rusk from Toronto, Canada

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