Unwissenheit oder Geheimhaltung? Tagesschau berichtet nicht über US-Kriegsverbrechen | Zain Raza

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Unwissenheit oder Geheimhaltung? Tagesschau berichtet nicht über US-Kriegsverbrechen | Zain Raza


Von Zain Raza


Die Tagesschau, die am häufigsten gesehene Nachrichtensendung in Deutschland, berichtet regelmäßig über die Terroranschläge der Taliban, allerdings nicht über die US-Kriegsverbrechen in Afghanistan.

Wie unter anderem die täglich ausgestrahlte Nachrichtensendung Democracy Now! am Donnerstag, den 20.09.19 berichtete, tötete ein Drohnenschlag der USA mindestens 30 Zivilisten in Afghanistan. Viele der Toten waren Bauern, die sich nach der Pinienkern-Ernte auf den Feldern ausruhten. Bei dem Drohnenangriff wurden auch mindestens 40 Zivilisten verletzt. [1] Die Taliban verübten dagegen zu Beginn derselben Woche, am Dienstag, den 17.09.19, ebenso Kriegsverbrechen, indem sie zwei Bomben zündeten, eine davon in der Nähe der US-Botschaft in Kabul, die mindestens 40 bis 50 Zivilisten töteten. [2]

Die Tagesschau berichtete allerdings nur über das letztgenannte Ereignis, den Anschlag der Taliban. Dass über das US-Kriegsverbrechen nicht berichtet wurde, könnte zur Folge haben, dass bei den Millionen von Zuschauern der Tagesschau der Eindruck entsteht, es gäbe keine Ursache oder Wirkung zwischen den Aktionen des US-Militärs und der Taliban-Attacken. Genauer gesagt könnte der Eindruck entstehen, dass das Wachstum der Machtbasis der Taliban und die andauernde Gewalt seit 2001 nichts mit der militärischen Besatzung – und den Kriegsverbrechen der USA – einschließlich der Ermordung unschuldiger Zivilisten, wie oben erwähnt – zu tun hat, sondern ein Nebenprodukt des gedankenlos Bösen ist. Ein Eindruck, der die Erzählung von Gut gegen Böse verbreitet, anstatt die Rationalität aller Handlungen und Akteure anzusprechen, welche zur andauernden Spirale der Gewalt beitragen. Unabhängig davon, ob die Tagesschau diese einseitige Form der Berichterstattung bewusst wählt oder nicht, führt sie mit hoher Wahrscheinlichkeit zu genanntem Eindruck bei den Zuschauern.

Der Anstieg von Terrorismus und Gewalt steht meiner Meinung nach in direktem Zusammenhang mit dem US-Interventionismus, wie wir ihn im gesamten Nahen Osten erlebt haben. Nach Angaben der Vereinten Nationen töteten US-amerikanische und afghanische Streitkräfte mehr Zivilisten als die Taliban im Jahr 2019 [3], was letztlich nur dem Zweck diente, die radikalsten Elemente in Afghanistan zu stärken und zu ermutigen, da dies zu einer Unzufriedenheit führt, aus der Wut und Ressentiments geschürt werden konnten. Soweit ich weiß, ist selbst diese von der UN genannte Tatsache in keiner der Prime Time Sendungen der Tagesschau berichtet worden. Es gibt klare Gründe, warum die USA nie in der Lage waren, die Taliban mit interventionistischer Politik zurückzudrängen. Tatsächlich kontrollieren die Taliban heute eine Rekordzahl von Gebieten, seit die USA 2001 erstmals intervenierten. Es sind mittlerweile so viele, dass das US-Militär sogar beschlossen hat, nicht mehr zu zählen, wie viele Gebiete im Jahr 2019 unter Kontrolle der Taliban stehen. [4]

Man könnte meinen, dass man die Messlatte zu hoch hängt, wenn man von einem Programm wie der Tagesschau eine kontextuelle Berichterstattung erwartet, die die nötigen Informationen liefert, um ein besseres Verständnis von Ursache und Wirkung in diesen komplexen Sachverhalten entwickeln zu können. Die ARD hat jedoch eine öffentliche Pflicht zu einer ausgewogenen und akkuraten Berichterstattung gegenüber ihren Bürgern, da sie über die Rundfunkgebühren direkt finanziert wird. Ich halte es für durchaus gerechtfertigt, von einem öffentlich-rechtlichen Sender wie der ARD und ihrem Flaggschiffprogramm zu erwarten, dass er über das Handeln beider Parteien gleichermaßen berichtet, um den Zuschauern den für das Verständnis nötigen Kontext zu bieten und, wenn nicht ein vollständiges, dann zumindest das genauest mögliche Bild der Situation in Afghanistan zu vermitteln, das vermittelt werden kann. Wir verdienen nicht weniger.


Anmerkung: Dieser Bericht spiegelt nicht unbedingt die redaktionelle Haltung von acTVism Munich wieder.


Korrektur vom 23.09.19, 18:28: Der SatzDie ARD hat jedoch eine öffentliche Pflicht zu einer ausgewogen und akkuraten Berichterstattung gegenüber ihren Bürgern, da sie über die GEZ (Gebühreneinzugszentrale) direkt durch eine öffentliche Steuer finanziert wird” wurde zuDie ARD hat jedoch eine öffentliche Pflicht zu einer ausgewogenen und akkuraten Berichterstattung gegenüber ihren Bürgern, da sie über die Rundfunkgebühren direkt finanziert wird” geändert.


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ÜBER ZAIN RAZA

Zain Raza - tagesschauZain Raza ist Gründer und leitender Redakteur von acTVism Munich. Er ist Journalist, Aktivist und Kulturveranstalter in München. Als Aktivist war er an der Organisation einer Reihe von Demonstrationen in München beteiligt, unter anderem an March Against Monsantound als Kulturveranstalter hat er Hunderte von Menschen durch sein Event “Pakistani on the Menu” zusammengebracht, welches Essen, Kunst und Musik vieler verschiedener Kulturen präsentiert. Als Autor und Journalist fokussierte er seine Recherche auf politische und wirtschaftliche Themen, die zwischen 2011 und 2013 im Tribune Express veröffentlicht wurde. 2013 gründete Raza acTVism Munich e.V. – ein unabhängiges, gemeinnütziges und basisdemokratisches Onlinemedium in zwei Sprachen. Seit der Gründung hat Raza die Produktion von mehr als 450 Videos geleitet und beaufsichtigt, zu denen Interviews und Events mit Experten wie Edward Snowden, Wikileaks, Noam Chomsky, Rainer Mausfeld, Gerald Hüther, Yanis Varoufakis, Glenn Greenwald, Frans de Waal, Jeremy Scahill, Jürgen Todenhöfer, Ernst Wolff, Peter Kuznick, Michael Shermer, Jill Stein, Medea Benjamin, Katja Kipping, Hans-Christian Ströbele, Richard D.Wolff, William Binney, Lawrence Wilkerson, Ray McGovern, Thomas Drake, Abby Martin, Annie Machon und vielen weiteren zählen. Klicken Sie hier oder hier, um mehr über Zain Raza und seine Arbeit zu erfahren.

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Quellen:

  1. https://youtu.be/P5yUWPvvHMo?t=293
  2. https://youtu.be/dEo6WdQo47s?t=349
  3. https://www.nytimes.com/2019/04/24/world/asia/afghanistan-civilian-casualties-united-nations.html
  4. https://www.nytimes.com/2019/05/01/world/asia/us-afghanistan-territory-taliban.html

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